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Wanderer zwischen digitalen Plattform-Welten

Von Karsten Theis

PLM ist wieder „in“. Eigentlich war es nie „out“, weil es PLM in der Form, wie wir es heute machen wollen, eigentlich noch nie gegeben hat. Das sagt kein geringerer als Dirk Spindler, Leiter R&D Processes, Methods and Tools bei Schaeffler, in dem Interview, das wir in diesem Newsletter veröffentlichen. Er sagt aber auch, dass die IT-Systemhersteller die Einordnung der PLM-Bezeichnung überdenken müssten. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und mir wünschen, dass sie den Begriff endlich mit dem wahren Produktleben füllen und die Digitalisierung bis zum Ende des Produktlebenszyklus denken.


Multi-Plattform, Multi-Cloud und Model Based Everything sind einige der Stichworte, die fallen, wenn führende Unternehmen der Automobil- und Zulieferindustrie über ihre künftige PLM-Architektur nachdenken. Auf der Feier zum 25. Geburtstag von PROSTEP hatten wir das Privileg, einige von ihnen als Gastredner zu haben. Eine der Kernaussagen war, dass Interoperabilität für die digitale Durchgängigkeit der Geschäftsprozesse künftig wichtiger denn je ist. Sie herzustellen ist eine der Herausforderungen, mit denen wir uns schon seit 25 Jahren beschäftigen.

Die Arbeit wird uns nicht ausgehen, denn Interoperabilität wird die Industrie auch in den nächsten Jahrzehnten weiterhin beschäftigen. Das machte Prof. Dr. Oliver Riedel, Leiter des Instituts für Steuerungstechnik der Werkzeugmaschinen und Fertigungseinrichtungen (ISW) der Universität Stuttgart und Mitglied im Direktorium des Fraunhofer IAO, in seinem Vortrag deutlich. Die digitale Durchgängigkeit darf man sich aber nicht mehr linear vorstellen, sondern im Sinne eines Kreislaufs, der die Daten aus dem Digital Twin wieder in den digitalen Master zurückführt.

Der Digital Twin ist das Bindeglied zwischen digitaler und realer Produktwelt und damit das ultimative Ziel aller Digitalisierungsinitiativen. Ohne ihn ist die digitale Transformation der Geschäftsmodelle, von der Dr. Siegmar Haasis, CIO R&D Cars bei Daimler in seinem Vortrag sprach, nur schwer vorstellbar. Zumindest für die Unternehmen der diskreten Fertigungsindustrie, die nach wie vor reale Produkte und Produktionssysteme herstellen, so smart und vernetzt sie auch sein mögen. Ihre Grundlage sind digitale Plattformen, auf denen die enormen Datenmengen des Digital Twins gemanagt werden müssen. Dies ist um Potenzen komplexer als das, was die kommerziellen Champions der Plattform-Ökonomie wie Amazon oder Uber machen. Die Frage ist, wer das Rennen um die industriellen Plattformen für sich entscheidet. Jochen Breh aus dem Bereich Governance IT Architecture von Bosch unterstrich in seinem Vortrag die Bedeutung von firmenübergreifenden Plattformen, auf denen neue Ökosysteme entstehen.

Haasis bezeichnete den Digital Twin als Königsdisziplin der Digitalisierung und der digitalen Transformation. Die Automobilhersteller haben klare Vorstellungen, wofür sie ihn benötigen (z.B. für Absicherung der autonomen Fahrfunktionen), aber überlegen noch, wie er denn aufgebaut sein soll. Während viele Experten der Überzeugung sind, dass es den einen Zwilling nicht geben kann und nie geben wird, verteidigte Haasis die Idee eines holistischen Digital Twins, der verschiedene Ausprägungen initiiert.

Auch Spindler befürwortete einen digitalen Zwilling mit unterschiedlichen Sichten darauf. Sicher scheint nur eines zu sein: Der Aufbau dieses Zwillings wird sehr aufwändig, vor allem wenn man alle Entwicklungsdaten einschließlich der Simulationsmodelle mit den Betriebsdaten zusammenführen will. Aber der echte Mehrwert ergibt sich erst, wenn der Kreislauf zwischen Entwicklung, Fertigung und Betrieb geschlossen ist.

Unklar ist auch noch, auf welchen Plattformen der digitale Zwilling eigentlich leben wird. Auf den IoT-Plattformen, auf denen die Betriebsdaten aus dem realen Produktleben zusammenlaufen, die das neue Öl der Plattform-Ökonomie sind. Oder doch auf den PLM-Plattformen, auf denen er Gestalt annimmt und vielleicht schon im embryonalen Stadium eines funktionalen Prototypen simuliert werden soll? Ich persönlich glaube, dass der digitale Zwilling ein Wanderer zwischen den Plattform-Welten sein wird, weshalb Offenheit und Interoperabilität der verschiedenen Plattformen eine unabdingbare Voraussetzung für seine Existenz sind. Er muss auf verschiedenen Plattformen atmen und Informationen aufnehmen können.

Der digitale Zwilling ist per Definition ein Mutant, der schnell verschiedene Gestalten annehmen und morgen vielleicht schon wieder ganz andere Anforderungen erfüllen muss. Die Unternehmen werden viel experimentieren und dabei sicher auch den einen oder anderen Frankenstein produzieren. Für die IT-Organisationen bedeutet das, dass sie keinen kompletten Bauplan für den Digital Twin haben, sondern agil auf neue Anwendungsfälle reagieren müssen und ihn im laufenden Betrieb immer wieder anpassen müssen.


Wie viel Agilität eine Organisation dabei verträgt, ist eine offene Frage, auf die es nach Ansicht von Ralf Waltram, Leiter IT Delivery bei der BMW Group aber nur eine Antwort geben kann: 100 Prozent. Das Konzept der bi-modalen IT, das BMW lange Zeit verfolgte, habe nicht wirklich funktioniert, weil die agilen Sprinter immer wieder am Wasserfall hätten warten müssen. Zumindest mit Blick auf den gesamten Produktentstehungsprozess sehen andere Unternehmen das etwas pragmatischer: Schindler beispielsweise verfolgt eher einen hybriden Ansatz, wie Spindler sagte, mit klaren Meilensteinen und Zielvorgaben, zwischen denen sich die Teams dann agil bewegen können.

Die Diskussion ist sicher noch nicht abgeschlossen, und ich bin gespannt darauf, welche neuen Erkenntnisse uns das diesjährige prostep ivip Symposium beschert. Agilität ist eines der Schwerpunktthemen auf der Agenda der Veranstaltung, die am 9. und 10. April im ICS in Stuttgart stattfindet. Uns können Sie auch dort treffen.

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