Entwicklungszusammenarbeit auf Augenhöhe
Ein Interview mit Natascha Dubovikova und Robert de Payrebrune
Der geopolitische Klimawandel macht die Entwicklungszusammenarbeit nicht leichter. Umso wichtiger ist die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen wie Ingenieure ohne Grenzen (IOG) e.V., die PROSTEP seit vielen Jahren unterstützt. Im Interview erläutern der Vorstandsvorsitzende Robert de Payrebrune und die stellvertretende Vorsitzende Natascha Dubovikova die Herausforderungen bei der Projektarbeit.
Frage: Welches sind die wesentlichen Zielsetzungen von IOG?
de Payrebrune: Wir machen Entwicklungszusammenarbeit auf technischem Gebiet. Unser Ziel ist es, die Menschen im globalen Süden mit grundlegender Infrastruktur zu versorgen. Schwerpunkte unserer Tätigkeit sind Wasser- und Sanitärversorgung, Elektrifizierung und Bauprojekte von der einfachen Krankenstation bis hin zu Schulen für über 1.000 Schüler*innen. Wir haben in Simbabwe eine große Schule gebaut, in Tansania sind wir beteiligt an einem großen Schulprojekt, in Nepal, in Kenia.
Frage: IOG gibt es seit mehr als 20 Jahren. Wie groß ist die Organisation heute?
de Payrebrune: Wir haben knapp 5.000 Fördermitglieder, von denen sich 900 bis 1.000 in den Regional- und Kompetenzgruppen und bei den Projekten vor Ort aktiv engagieren. Die Regionalgruppen sind unsere Repräsentanten vor Ort. Sie halten den Kontakt zu Interessenten und Spender*innen.
Frage: Das sind aber nicht alles Ingenieur*innen?
Dubovikova: Richtig, bei uns arbeiten viele Menschen mit anderem Hintergrund, weil wir nicht nur technische Lösungen anbieten. Entwicklungszusammenarbeit erfordert interkulturelle Kommunikation, damit wir den Menschen vor Ort auf Augenhöhe begegnen und den Ownership-Gedanken entwickeln können. Ownership bedeutet, dass die Menschen vor Ort verstehen, dass das ihr Projekt ist, weil sie es mitgeplant und mitgestaltet haben. Dann sorgen sie dafür, dass es fortgeführt wird.
Frage: Wie haben sich die Projektschwerpunkte im Laufe der Zeit verändert?
de Payrebrune: WASH oder anders gesagt Wasser, Sanitär, Hygiene ist immer noch ein wichtiger Tätigkeitsschwerpunkt. Damit haben wir 2003 angefangen. Geändert hat sich, dass die Projekte komplexer geworden sind, weil die Menschen vor Ort bei vielem von dem, was vor 15 Jahren Bestandteil der Entwicklungszusammenarbeit war, unsere Unterstützung mittlerweile nicht mehr brauchen. Unsere Projekte werden technisch anspruchsvoller und ganzheitlicher. Wenn wir uns eine Schule anschauen, geht es nicht mehr nur darum, eine Wasserversorgung aufzubauen, sondern auch um die Sanitärsituation oder die Elektrifizierung mit einer PV-Anlage bis hin zur Einrichtung von Spielplätzen.
Dubovikova: Unsere Qualitätsansprüche sind auch gestiegen. Früher haben wir uns oft kleine lokale Partnerorganisationen vor Ort gesucht. Jetzt arbeiten wir mit strategischen Partnerorganisationen zusammen, die als unsere Hände, Augen und Ohren fungieren. Sie liefern uns zuverlässige Informationen über die Situation vor Ort, planen zusammen mit uns und unterstützen uns bei Formalitäten.
Frage: Diese strategischen Partner, was sind das für Organisationen?
Dubovikova: Z.B. Suubi Community Projects (SUUBI), eine NGO in Uganda. Sie arbeitet vor allem im Brunnenbau, unterstützt uns aber auch bei anderen Projekten. Wir haben in Uganda gerade viele Sanitärversorgungsprojekte, wo wir Trockentrenntoiletten bauen.
Frage: Gibt es auch gemeinsame Projekte mit Schwestergesellschaften von Engineers without Borders?
Dubovikova: Ja, wir machen z.B. ein gemeinsames Projekt in Tansania mit Engineers without Borders aus Schweden und sind außerdem in ständigem Austausch zum Thema Fundraising, weil die Schweden da einen etwas anderen Ansatz haben. Wir sind zwar alle Teile der Familie von Engineers without Borders Europa, aber jeder hat etwas andere Schwerpunkte. Bei den Luxemburgern ist z.B. Waste Management ein großes Thema, was bei uns noch nicht so stark entwickelt ist. Da können wir voneinander lernen.
Frage: Welchen Stellenwert hat das Thema Nachhaltigkeit bei Ihren Projekten?
Dubovikova: Einen hohen Stellenwert. Es geht darum sicherzustellen, dass das, was wir zusammen mit Partnern aufgebaut haben, Bestand hat und den Menschen auch in zehn, fünfzehn Jahren noch hilft.
Frage: Wie stellen Sie diese Nachhaltigkeit sicher? Gibt es so etwas wie eine Nachkontrolle?
de Payrebrune: Ein wichtiger Baustein ist natürlich die Zusammenarbeit mit strategischen Partnern, die über viele Jahre angelegt ist, so dass wir auch drei, vier oder fünf Jahre nach Projektabschluss noch ein Auge oder Ohr an den Projekten haben. Ein anderer Baustein ist das, was Natascha gerade schon gesagt hat, nämlich die Ownership. Wenn die Menschen vor Ort ein Projekt als ihr eigenes ansehen, sorgen sie selbst dafür, dass es erhalten bleibt und langfristig funktioniert. Zu unseren Projekten gehört auch immer eine Schulungskomponente, um die Menschen zu befähigen, die Anlagen zu betreiben, zu warten und im besten Fall sogar nachzubauen.
Dubovikova: Das Konzept „Teach the Teacher“ ist eines der Werkzeuge, um die Weiterentwicklung und Wartung von Projekten zu sichern. Wir entwickeln zusammen mit den Partnerorganisationen vor Ort Strukturen wie z.B. Water Committees an den Schulen, die sich um kleinere Wartungen selbst kümmern.
Frage: Kommen auch Projektvorschläge aus den Ländern, in denen sie aktiv sind?
de Payrebrune: Die meisten Projekte entwickeln sich heute aus Anfragen aus den Projektländern. Wir entwickeln neue Projektideen oft gemeinsam mit unseren strategischen Partnern, die Bedarfe an uns kommunizieren, und wir schauen dann gemeinsam, wie wir das unterstützen können. Wenn wir an einer Schule ein Projekt erfolgreich durchgeführt haben, kommt es auch vor, dass die Nachbarschule darauf aufmerksam wird.
Frage: Wie finanzieren sich Ihre Projekte und Ihre Vereinsarbeit?
de Payrebrune: Überwiegend aus Spenden von Privatpersonen und Unternehmen. Dann gibt es immer mal wieder Förderungen von Stiftungen für bestimmte Projekte. Das Spendenaufkommen ist in den letzten Jahren allerdings rückläufig, während unsere Projektkosten durch die Inflation gestiegen sind. Wir merken, dass die Menschen mehr auf ihr Portemonnaie schauen. Im Moment liegen wir bei ungefähr 1,4 Millionen Euro pro Jahr.
Frage: Wie bereiten Sie Ihre Ehrenamtlichen auf Ihre Einsätze im Ausland vor?
de Payrebrune: Wir haben ein internes Weiterbildungskonzept mit verschiedenen Workshops, in denen die Leute darauf vorbereitet werden, was sie in den Projektländern erwartet. Da geht es um Sicherheit, Kinderschutz, Schutz von Minderheiten etc. Es gibt Workshops zur Projektleitung, technische Workshops, Workshops zur interkulturellen Kommunikation. Einige sind verpflichtend, die anderen freiwillig, aber immer gut besucht, weil sehr spannend.
Frage: Vor Ort kommt aber sicher noch die eine oder andere Überraschung auf ihre Ehrenamtlichen zu?
Dubovikova: Es ist auch ein Abenteuer, aber wir müssen sicherstellen, dass keiner dabei Schaden nimmt. Deshalb machen wir diese Ausreise-Workshops, um die Menschen für das Thema Sicherheit zu sensibilisieren und sicherzustellen, dass sie nicht nur aus Abenteuerlust dahin gehen, sondern sich auch um die Projekte kümmern.
de Payrebrune: Die Sicherheit unserer Leute steht für uns an erster Stelle. Wir sind mit den Ausreise-Teams in ständigem Kontakt, soweit die Technik das zulässt. Es gibt eine ständig besetzte Notfall-Rufnummer. Wir schicken niemanden in Krisen- oder Kriegsgebiete oder in Gegenden, wo ihre Gesundheit durch Epidemien gefährdet ist. Wenn es in einem Land nicht sicher ist, werden Projekte auch mal verschoben.
Frage: Was sind die größten Herausforderungen bei ihren Projekten?
Dubovikova: Der Zeitmangel. Unsere 900 bis 1.000 Ehrenamtlichen haben einen Vollzeitjob oder ein Studium, sie haben Familie, Freunde etc. und stehen nicht acht Stunden am Tag zur Verfügung. Wenn wir Qualität erreichen wollen, müssen wir aber Zeit investieren. Das hat zur Folge, dass Projekte manchmal länger dauern als wir wollen. Das ist die größte Hürde bei unserer Projektarbeit. Wir könnten noch ein paar mehr Ehrenamtliche gebrauchen, und nicht nur Ingenieure.
Frage: Wie lange sind die Ehrenamtlichen im Ausland im Einsatz?
de Payrebrune: Die Ausreisezeiten sind natürlich abhängig vom Projekt. Bei dem Schulbau in Kenia waren Leute von uns über ein halbes Jahr vor Ort, aber in mehreren Schichten.
Dubovikova: Häufig sind nur am Anfang und Ende des Projekts Leute von uns vor Ort. In der Zwischenzeit übernimmt die Partnerorganisation die Bauleitung.
Frage: Wie wirkt sich der geopolitische Klimawandel auf Ihre Arbeit aus? Wird sie schwieriger?
de Payrebrune: Den Rückzug von USAID spüren wir noch nicht, aber er wird sicher spürbar werden, weil dieser Teil der globalen Entwicklungszusammenarbeit fehlen wird. Es werden mehr Menschen in Not geraten. Umso wichtiger wird die Arbeit von kleineren Organisationen wie unserer, die nicht so sehr von den politischen Entwicklungen abhängig sind. Was wir aber merken ist, dass sich auch das politische Klima in Deutschland und Europa verändert. Der Rechtsruck führt dazu, dass die Leute mehr ins eigene Land schauen. Es wird schwerer zu argumentieren, warum wir Menschen unterstützen. Finanziell merken wir das zum Glück noch nicht, aber das Klima ändert sich und das macht uns Sorgen.
Frage: Ingenieur*innen werden knapp in Deutschland. Was tut IOG für die Nachwuchssicherung?
de Payrebrune: Darauf zielen unsere Inlandsangebote ab. Wir arbeiten an Schulen, machen MINT-Tage oder Projektwochen mit Schüler*innen, in denen wir technische Themen aus der Entwicklungszusammenarbeit vermitteln und Interesse und Spaß wecken wollen. Dann gibt es unsere IOG Challenge, wo Studierende an Universitäten und Hochschulen in einem Semester ein Projekt mit uns machen.
Frage: Was war die letzte IOG Challenge?
de Payrebrune: Die letzte Challenge war die Entwicklung einer Trockentrenntoilette für den privaten Bereich. Wir bauen diese Toiletten schon seit vielen Jahren an Schulen, also größere Anlagen mit vielen Kabinen. Die größte Herausforderung dabei war das Kostenlimit. Die Studierenden mussten in Zusammenarbeit mit einer Partnerorganisation herausfinden, was für Materialen sie vor Ort bekommen, was sie kosten und die Toilette dann entwickeln.
Dubovikova: Das Interessante war, dass die Anfrage von einer Partnerorganisation kam, die ein Schulprojekt in Sierra Leone gemacht hat. Die Eltern und Nachbarn der Kinder haben gesehen, dass es etwas bringt, wenn sie die Überreste als Dünger verwenden, und haben gefragt, ob sie so etwas auch zu Hause haben können.
Frau Dubovikova, Herr de Payrebrune, vielen Dank für das Gespräch. (Das Interview führte Michael Wendenburg)
Zu den Personen
Natascha Dubovikova (Jahrgang 1983) ist stellvertretende Vorsitzende von Ingenieure ohne Grenzen e.V. und Repräsentantin für den Bereich Auslandsprojekte. Sie hat selbst ein größeres Schulbauprojekt in Kenia begleitet und engagiert sich aktuell bei einem Schulbau in Tansania und dem Aufbau der Energieversorgung für ein Bildungszentrum in Indonesien. Außerdem berät sie die Projektgruppen im Rahmen des Programms „Grundversorgung für Schulen“ zu den Themen Nachhaltigkeit und Qualität. Natascha Dubovikova hat ihren Master in Maschinenbau an der Technischen Universität der Ukraine in Kiew gemacht, und ihren Doktor an der TU Ilmenau, an der sie mehrere Jahre als Post-Doc arbeitete. 2021 wechselte sie in die freie Wirtschaft. Aktuell arbeitet sie im Produktmanagement im Optik-Bereich bei Jenoptik. Natascha Dubovikova ist verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder.
Robert de Payrebrune, 54 Jahre, ist seit 2022 Vorsitzender des Vorstands des Ingenieure ohne Grenzen e.V. und schwerpunktmäßig für die Entwicklung der Organisation und das Ehrenamtsmanagement zuständig. Er ist seit 2011 im Verein aktiv und hat in dieser Zeit die Regionalgruppen in Freiberg und Kaiserslautern geleitet, bevor er 2018 in den Vorstand wechselte. Nach dem Maschinenbaustudium an der Leibniz Universität Hannover arbeitete de Payrebrune in der Erwachsenen- und Hochschulbildung sowie in Projekten des Wissenschaftsmanagements, unter anderem bei der VW Coaching GmbH, der TU Bergakademie Freiberg und der RPTU in Kaiserslautern. Zurzeit ist er in der Verwaltung der evang. Landeskirche der Pfalz beschäftigt.
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