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Zeitenwende in Sachen PLM oder warum ALM wichtiger wird

Ein Gastbeitrag von Bernhard Valnion

Application Lifecycle Management (ALM) könnte zum Game Changer im PLM-Umfeld werden. Eine gemeinsame Studie von PROSTEP und BHC analysiert das Markt- und Anwendungsumfeld hierzu. Im Gespräch mit unserem Gastautor Dr. Bernhard Valnion erläutert Landmaschinenhersteller CLAAS, warum man sich bei der Wahl der PLM-Plattform für die Fokussierung auf einen Toolanbieter entschieden hat.

Ziel der gemeinsamen Erhebung der PROSTEP AG (Darmstadt) und der BHC GmbH (Böblingen) war es, die aktuelle Rollenverteilung zwischen PLM und ALM bei der Entwicklung mechatronischer und softwareintensiver Produkte und die künftigen Strategien der Unternehmen für ein Systems Lifecycle Management zu bestimmen. Dazu interviewten die Macher der Analyse Führungskräfte und Spezialisten führender Unternehmen aus Automobilindustrie, Maschinenbau, Elektroindustrie und Medizintechnik. Das größte von ihnen hatte an die 400.000, das kleinste 100 Mitarbeiter.

Warum ALM immer wichtiger wird, verdeutlich folgendes Statement: „Autos werden zu Smartphones auf Rädern. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen wir neben der Hardware auch die Software beherrschen“, ließ sich Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Mercedes-Benz Group, kürzlich im Handelsblatt zitieren. Und dafür ist man bereit, Milliarden zu investieren. Denn es verlangt eine ganz neue Qualität von ALM, etwa um Over-the-Air Updates geltungssicher durchführen zu können. Es geht unter anderem um eine lückenlose Traceability, das heißt die Sicherstellung der Rückverfolgbarkeit von Informationen über den gesamten Produktlebenszyklus.

Keine Traceability über Disziplinen hinweg

Die Studie zeigt, dass diese Traceability noch Lücken aufweist. Zwar vergeben die Urheber der Studie grundsätzlich gute Noten für die Integration mechanischer Entwicklungsartefakte – kein Wunder, denn PLM hat seinen Ursprung eben in der Mechanik. Auch die Elektronikentwicklung und die elektrotechnische Projektierung ist auf einem guten Weg dorthin, wie Studienautor Peter Wittkop, Lead Expert PLM Strategy & Processes von der PROSTEP AG, dazu erklärt. Die Softwareentwicklung funktioniere für sich gesehen als Insellösung gut bis sehr gut. „Die Frage jedoch lautet, wie die Softwareentwicklung im Sinne einer vollständigen Produktbeschreibung integriert werden soll.“ Die Existenz von ALM und PLM in getrennten Welten hat nämlich zur Folge, „dass die disziplinübergreifende Rückverfolgbarkeit (Traceability) der Entwicklungsergebnisse bei kaum einem Unternehmen zufriedenstellend vorhanden ist, obwohl doch die meisten sie für eine zentrale Anforderung halten“, so Peter Wittkop weiter.

Die Studie wurde im Hinblick auf die Gestaltungsmöglichkeiten bei Prozessen, Organisation und IT/Tools durchgeführt. Beim Prozessdesign etwa ging es um die Frage, welcher Weg bei der Einführung eines Anforderungsmanagements gewählt werden sollte. Soll man den Weg über ein Funktionssystemmodell beschreiten? Organisatorisch geht es zum Beispiel um die Frage, mit welchen Anreizen die Mitarbeiter begeistert werden könnten, um den Wandel der Betriebe aktiv mitzugestalten.

Die Studie setzt sich zudem kritisch mit der Portfolio-Strategie der Systemanbieter auseinander. Tatsache ist, dass die überwiegende Mehrheit der Befragten nicht das Ziel hat, alle Herausforderungen im Engineering mit einer One-Vendor-Lösung abzubilden. Vielmehr tendiert man eher zu einem sogenannten Best-of-Breed-Ansatz. Peter Wittkop: „Auffällig ist die Tendenz, monolithischen Systemen, in denen alles abgespeichert wird, den Rücken zu kehren.“

CLAAS verfolgt eine Few-Vendor-Strategie

Im Gespräch mit der Fachzeitschrift d1g1tal AGENDA erläutert Jan Wilhelm Gröver, Head of Systems Lifecycle Management bei CLAAS, warum sich der renommierte Landmaschinenhersteller für eine Few-Vendor-Strategie entschieden hat, jedoch nicht für ein Best of Breed. Man konzentriere ich auf eine enge Partnerschaft mit Dassault Systèmes für PLM und Microsoft für ALM, denn: „Uns geht es darum, die Komplexität zu reduzieren. Schließlich werden erhebliche Ressourcen bei der Entwicklung der Schnittstellen gebunden. Daher lautet unsere Devise auch: möglichst kein Customizing bei den Tools.

Strategische Partnerschaften mit Tool-Anbietern machen dies möglich, mit dem Hintergrund, an deren Portfolio-Weiterentwicklung teilhaben zu können.“

Ein großes Thema auf dem Weg zu einem durchgängigen Systems Engineering sei die systematische Abbildung des Anforderungsmanagements, so Jan Gröver weiter. 2014 habe man mit einem ersten Projekt gestartet. Inzwischen erfasst CLAAS alle Maschinenanforderungen systematisch in einem Requirements Management Tool. „Die produktive Praxis für ein modellbasiertes Systems Engineering wollen wir im Zeitraum zwischen 2025 und 2030 erreicht haben“, wobei man es als „Journey“, nicht als ein Projekt mit einem fix definierten Ende bezeichnet, erklärt dazu Jan Gröver.

In jedem Fall braucht es einen kompetenten Analysten, so wie PROSTEP und BHC, der kritisch die PLM- und ALM-Systemanbieter begleitet und auf Basis eigener Projekterfahrungen Handlungsempfehlungen für die Kunden formuliert. Dabei ist es sehr wichtig, so das Fazit von Wittkop, der Ausgangssituation beim Kunden genügend Aufmerksamkeit zu schenken.


Zur Person Dr. Bernhard D. Valnion

Seit mehr als 20 Jahren begleitet Dr. Bernhard D. Valnion die CAx-Branche als Redakteur, Analyst und Publizist. Er ist CEO, Gründer und Präsident der d1g1tal AGENDA UG, die unter anderem die Zeitschrift d1g1tal AGENDA im vierteljährlichen Rythmus herausgibt. Hinzu kommen die Sub Brands d1g1tal HUMAN (Podcast über Macher im Zeitalter der Digitalisierung) und d1g1tal LOOPs (Process Mining).

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