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Ingenieurtechnische Hilfe zur Selbsthilfe

Ein Interview mit M. Kurt Saygin

PROSTEP ist Fördermitglied von „Ingenieure ohne Grenzen e.V.“. Im Interview mit dem PROSTEP-Newsletter erläutert M. Kurt Saygin, Vorstandsvorsitzender des Vereins, die Ziele und Aktivitäten der gemeinnützigen Hilfsorganisation, die in den letzten Jahren gemeinsam mit lokalen Partnern Infrastrukturprojekte in 30 Ländern realisiert hat. Die vorwiegend ehrenamtlichen Mitarbeiter leisten ingenieurtechnische Hilfe zur Selbsthilfe.

Frage: IOG wurde 2003 gegründet – mit welcher Zielsetzung?

Saygin: Wie viele Hilfsorganisationen haben wir uns mit dem Ziel gegründet, Menschen in Not zu unterstützen. Bei den meisten anderen Organisationen stand jedoch damals die medizinische Hilfe im Vordergrund. Aber auch Ärzte brauchen zur optimalen Versorgung von Patienten eine Grundinfrastruktur, zum Beispiel eine funktionierende Strom- und Wasserversorgung. Menschen, die sauberes Wasser trinken, werden gar nicht erst krank. Wir haben Pest und Cholera ja auch in Deutschland nicht durch den medizinischen Fortschritt besiegt, sondern weil sich die Infrastruktur verbessert hat, und das war eine Leistung von Ingenieuren. Dieses ingenieurtechnische Wissen zu bündeln, um die Lebensqualität der Menschen in ärmeren Ländern nachhaltig zu verbessern, ist unsere Mission.


Frage:
 Man muss aber kein Ingenieur sein, um Mitglied bei IOG werden zu können?

Saygin: Nein, keinesfalls. Aber wenn wir zu einem Projekt rausgehen, brauchen wir vor Ort natürlich Ingenieure, um mit so wenig Manpower wie möglich viel zu bewegen.

Frage: Was unterscheidet IOG von einer Organisation wie dem Technischen Hilfswerk?

Saygin: Das THW leistet keine Hilfe zur Selbsthilfe, sondern hilft in einer konkreten Notsituation wie nach dem Tsunami 2004 mit einem riesigen Maschinenpark und top ausgebildeten Spezialisten. Unser Ansatz ist dagegen eine auf Nachhaltigkeit angelegte Entwicklungszusammenarbeit. Ein weiterer Unterschied zu anderen Organisationen ist, dass wir großen Wert auf den ehrenamtlichen Einsatz legen. Etwa 1.000 unserer 3.750 Fördermitglieder bringen sich aktiv in die Vereinsarbeit ein oder sind in Auslandsprojekten im Einsatz. Und sie werden nicht dafür bezahlt – unsere Ingenieure machen das in ihrer Freizeit und zahlen z.T. auch die Reisekosten aus eigener Tasche.

Frage: Warum entfallen trotzdem 30 Prozent Ihrer Ausgaben auf Personal- und administrative Kosten?

Saygin: Im Gegensatz zu vielen anderen NGOs arbeiten bei Ingenieure ohne Grenzen alle ausreisenden Aktiven ehrenamtlich. Daher fallen die Projektausgaben im Verhältnis zu den allgemeinen Kosten niedrig aus. Die Bilanz sähe anders aus, wenn wir die ehrenamtlich geleisteten Ingenieurstage einrechnen könnten, was aber im Gesetz so nicht vorgesehen ist.

Frage: Im Jahr 2017 waren die Spenden und Zuschüsse rückläufig. Wie haben sich die Einnahmen denn 2018 entwickelt?

Saygin: Wir hatten über die letzten 15 Jahre ein stabiles Wachstum, mit einer Delle im Jahr 2017 und einem neuen Höchstsand von knapp 1,2 Millionen Euro im Jahr 2018, den wir 2019 wohl noch einmal toppen werden.

Frage: Welches sind neben der Wasserversorgung wichtige Projektschwerpunkte der IOG. Was tut der Verein zum Beispiel gegen den Klimawandel?

Saygin: Zunächst mal machen wir nicht nur Projekte zur Wasserversorgung, sondern auch sehr viel Wasserentsorgung, was ein komplett anderer Bereich ist. Außerdem haben wir eine Kompetenzgruppe Brückenbau, die in den letzten Jahren mehrere Brücken gebaut hat. In Nepal führen wir ein Projekt zum erdbebensicheren Wiederaufbau durch. Wir haben in Afrika Kleinstwasserkraftwerke gebaut, um Strom in Dörfer zu bringen, die komplett von der Stromversorgung abgeschnitten sind.

Bei den Projekten zur Energieversorgung setzen wir ausschließlich auf erneuerbare Energien. Wir stellen nirgendwo Dieselgeneratoren auf und beteiligen uns auch nicht an Kraftwerksbauten, in denen fossile Brennstoffe genutzt werden, sondern setzen auf Photovoltaik, Biogas oder Solarthermik. Und wir arbeiten bei Bauvorhaben meist mit Lehmziegeln statt mit gebrannten Ziegeln, um die Holzverbrennung zu vermeiden. Wenn es um die Vermeidung von CO2 in großem Maßstab geht, sind die Projekte für uns noch eine Nummer zu groß, aber im Kleinen sind wir sehr sensitiv, was das Thema angeht.

Frage: Wie viele Projekte realisiert IOG im Jahr?

Saygin: Im letzten Jahr waren es 46 parallellaufende Projekte im In- und Ausland und in diesem Jahr werde es ähnlich viele sein.

Frage: Wie gehen Sie bei den Projekten vor? Sie machen ja nicht nur die Projektierung, sondern auch die Umsetzung?

Saygin: Wir arbeiten prinzipiell mit lokalen Partnern zusammen, was vielleicht auch ein Aspekt ist, der uns von anderen Organisationen unterscheidet. Meist sind das kleine Nichtregierungsorganisationen, die über unterschiedliche Kanäle oder persönliche Kontakte auf uns aufmerksam werden. In unseren Regionalgruppen engagieren sich z.T. Studierende, die aus den jeweiligen Ländern stammen. Wir haben in Deutschland mittlerweile 33 Regionalgruppen. Sie schlagen die Projekte vor, sammeln nach der Erkundung vor Ort und der Genehmigung der Projekte durch die jeweiligen Fachgruppen das Geld und gehen dann in die Implementierung. Aber, wie gesagt, immer in Zusammenarbeit mit den lokalen Partnern und unter Nutzung von lokalen Materialien und Arbeitskräften.

Frage: Arbeiten Sie bei Projekten auch mit anderen Hilfsorganisationen zusammen?

Saygin: Ja, da kann ich Ihnen sogar ein aktuelles Beispiel geben. Wir haben gerade eine Anfrage von einer großen ärztlichen Hilfsorganisation erhalten, die in einem Kriegsgebiet unterwegs ist und Schwierigkeiten mit der Logistik hat. Die brauchen eine Landepiste, um die Hilfsgüter ins Land zu bekommen. Das ist eine typische Ingenieursaufgabe, die wir übernehmen, damit andere Hilfsorganisationen überhaupt tätig werden können. Wir haben auch vor Ort oft Kontakt zu anderen Hilfsorganisationen.

Frage: Sie sind vorwiegend in Afrika unterwegs. Nach welchen Kriterien wählen Sie die Projekte aus?

Saygin: Unsere Projekte konzentrieren sich auf West- und Ostafrika, aber auch schon in Südamerika und Südostasien sind wir aktiv. Entscheidend ist immer die Frage, wo wir mit unserer Expertise einen Mehrwert erbringen können. Derzeit bauen wir z.B. in Uganda ein verlassenes Krankenhaus wieder auf, mit allem was dazu gehört, von der Wasserversorgung über die Abwasserentsorgung, die Stromversorgung bis zu einem vernünftigen Bau, der hygienisch betrieben werden kann. Und es ist auch gesichert, dass dort wieder Ärzte arbeiten werden. Wir haben fantastische Schulprojekte, bei denen wir nicht einfach ein neues Gebäude in die Landschaft setzen, sondern die Bedingungen von Kindern an existierenden Schulen verbessern. Unser Ziel ist es, dass solche Vorhaben auch in 25 Jahren noch Bestand haben.

Frage: Wie messen Sie den Erfolg und die Nachhaltigkeit von Projekten?

Saygin: Da sprechen Sie einen wunden Punkt an. Es gibt für Projekte der Entwicklungszusammenarbeit keine neutrale Kontrollinstanz, was wir sehr bedauern. Die Kontrolle der Nachhaltigkeit bleibt jeder Organisation selbst überlassen. In unserem Fall ist ein wichtiger Erfolgsfaktor, dass sich aus den Projekten oft langjährige Freundschaften entwickeln. Ich habe z.B. noch Kontakt zu der lokalen Organisation in Tansania, mit der wir vor über zwölf Jahren einen Wassertank gebaut haben. Der Tank existiert und funktioniert immer noch, wie Sie in unserem Video auf Youtube sehen können. Ich weiß aber nicht, ob wir das als größere Organisation bis in alle Ewigkeit so machen können.


Frage:
 Vor welchen Herausforderungen stehen Ihre Mitarbeiter bei solchen Projekten?

Saygin: (lacht) Das hängt davon ab, welche Härten sie gewohnt sind. Gerade für jüngere Leute, die so etwas zum ersten Mal machen, ist es manchmal schwer, sich die Situation vor Ort vorzustellen: Unter einem Insektenschutz zu schlafen, das Handy nicht laden zu können oder sich das Wasser für den morgendlichen Kaffee auf einem Holzkohleofen kochen zu müssen. Das kann ein Kulturschock sein, wobei das noch der lustige Teil der Projekte ist. Hinzu kommt, dass die Umsetzung von ingenieurtechnischen Projekten in vielen Ländern schwierig ist, weil die Materialien und die Arbeitsleistung wegen der mangelnden Ausbildungsmöglichkeiten vor Ort nicht die gewünschte Qualität haben, so dass man oft nachjustieren muss. Aber bislang haben wir noch jedes Projekt erfolgreich gestemmt.


Frage:
 Ein relativ hoher Anteil Ihrer Projekte entfällt auf Deutschland. Was sind das für Projekte?

Saygin: Das sind vor allem Integrationsprojekte mit Geflüchteten, unter denen es viele gut ausgebildete Techniker gibt, die darauf brennen wieder zu arbeiten. Denen bieten wir Aus- und Weiterbildungen an, z. B. in technischem Deutsch oder zu technischen Themen. Des Weiteren gibt es seit vielen Jahren die Ingenieure ohne Grenzen Challenge, ein gemeinsames Lehrformat mit sieben Universitäten, in dem wir die Studierenden mit realen Problemen aus der Entwicklungszusammenarbeit konfrontieren, für die wir vielleicht auch noch keine Lösung haben. Da kommen fantastische Sachen raus. Für diese Aktion haben wir 2018 übrigens den „Land der Ideen-Preis“ bekommen.

Herr Saygin, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen und der IOG viel Erfolg.

(Das Interview führte Michael Wendenburg)

 

Weitere Informationen zu Ingenieure ohne Grenzen.

 



Zur Person

M. Kurt Saygin ist Geschäftsführer des Ingenieurbüros Saygin und seit zwei Jahren Vorstandsvorsitzender des „Ingenieure ohne Grenzen e.V.“. Sein Spezialgebiet ist die Wasseraufbereitung. Noch während seines Studiums an der TU Berlin kam der 48jährige Dipl.-Ing. der Chemie über die elterliche Firma in der Türkei erstmals mit dem Thema in Berührung. Danach arbeitete er ein Jahr lang für das Deutsche Technische Hilfswerk und Ingenieure Ohne Grenzen im Tsunamigebiet in Südost-Asien als Fachmann für Wasseraufbereitung und beriet in dieser Funktion u.a. Organisationen wie das Internationale Rote Kreuz und UNICEF. Zurück in Deutschland arbeitete er zunächst für namhafte Firmen wie Kärcher oder NALCO Deutschland in der Wassertechnik, bevor er sich selbständig machte.

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