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Wir verfolgen eine Multi-Cloud-Strategie

Im PLM-Bereich ist Dirk Spindler, Leiter R&D Processes, Methods and Tools bei Schaeffler, ein relativer „Newcomer“. Bis Mitte 2016 war er Entwicklungsleiter der Industriesparte des Unternehmens, das neben Systemkomponenten für Motor, Getriebe und Fahrwerk Wälz- und Gleitlager für industrielle Anwendungen herstellt. Im Interview erläutert er, wie er den Entwicklungsprozess und die Toolkette bei Schaeffler digitalisieren will.

Frage: Der Titel Ihres Vortrags bei der Geburtstagsfeier von PROSTEP lautete „Zukunft der Industrie“. Hat die Automobilindustrie denn eine Zukunft?

Spindler: Ja, wenn ihr der Wandel zu Digitalisierung und E-Mobilität gelingt, den sie klar erkannt hat. Neue Mobilitätskonzepte müssen von den Automobilherstellern federführend entwickelt werden, sonst besteht die Gefahr, dass das Auto zum Standardprodukt wird.

Frage: Auch PLM wurde lange als Commodity abgeschrieben, jetzt scheint es wieder „in“ zu sein. Wie sehen Sie das?

Spindler: Das ist tatsächlich so. Ich sage gerne provokativ, dass es PLM in der Form wie wir es machen wollen, noch nie gegeben hat. Es war immer sehr stark auf das Thema Mechanik fokussiert und auf das, was ich PDM nennen würde. Durch die Digitalisierung und Themen wie Systems Engineering hat PLM in den letzten zwei, drei Jahren einen starken Schub bekommen. Man muss Produkte heute ganz anders beschreiben und Aspekte wie Service und After Sales berücksichtigen. Auch für den Digital Twin und Model Based Systems Engineering brauchen wir PLM mehr denn je. Die bisherige Einordnung der Bezeichnung PLM durch die IT-Lösungsanbieter muss allerding überdacht werden.

Frage: Wie weit sind Sie mit dem Aufbau des modellbasierten Produktentstehungsprozesses, für den Schaeffler im MecPro2-Projekt ja die Grundlagen gelegt hat?

Spindler: Wir haben aus MecPro2 ein eigenes Projekt gemacht mit dem Titel MecPro4You, um die Anwendung der Erkenntnisse weiter voran zu treiben. Da stehen wir aber noch ziemlich am Anfang, auch weil ein standardisierter Datenaustausch zwischen verschiedenen Systemen heute nicht wie notwendig möglich ist. Aktuell verwenden wir Modelle im Systemkontext, um Architekturen abzubilden.

Frage: Sie denken aber schon weiter an den autonomen Produktentstehungsprozess (PEP). Was hat man sich darunter vorzustellen?

Spindler: Der nächste Schritt nach dem modellbasierten Systems Engineering wird ein stärker automatisierter PEP sein. Automatisiert in dem Sinne, dass wir aus der Auswertung z.B. von Kundenanfragen und unseren daraus entwickelten Lösungen mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz weitgehend automatisiert und später autonom neue Lösungen für unsere Kunden bereitstellen. Man könnte das auch einen smarten Konfigurator nennen. Voraussetzung dafür sind allerdings die oben erwähnten Modelle.

Frage: Kann es in einer so diversifizierten Organisation wie Schaeffler mit so unterschiedlichen Kunden überhaupt einen einheitlichen PEP geben?

Spindler: Ja, wenn man den PEP als eine Sammlung von verschiedenen Prozessmodulen beschreibt, die innerhalb gewisser Grenzen zu einem individuellen Prozess für ein Projekt zusammengestellt werden. Es ist also kein einheitlicher Prozess im Sinne eines immer gleichen Ablaufs, sondern einheitlich im Sinne der Prozessmodule, aktuell etwa 200, zu denen die jeweiligen Methoden und passende IT-Lösungen gehören. Je nach Geschäftsmodell haben wir außerdem verschiedene Produktentstehungsprozesse vorkonfiguriert.

Frage: Wie agil sind Sie heute in den Prozessen unterwegs? Wollen Sie, wie die BMW Group, hundertprozentig agil werden?

Spindler: Wir sind im Moment bi-modal und agil mit einem eher hybriden Ansatz in der Produktentwicklung unterwegs. In der Software-Entwicklung arbeiten wir inzwischen weitgehend agil. Aber auch bei einer agilen Entwicklung benötigt man letztlich feste, im Projekt definierte Gates, zu denen eine vorgegebene Leistung vorliegen muss. Wir bleiben deshalb bei unserem übergeordneten Projektplan mit Meilensteinen bzw. Quality Gates und feststehenden Zielen, arbeiten aber dazwischen agil. Dieser hybride Ansatz ist meines Erachtens in den meisten Unternehmen heute (noch) die Realität.

Frage: Digitalisieren sie ihre Geschäftsprozesse noch oder sind Sie schon auf dem Weg in die digitale Transformation?

Spindler: (lacht) Wir digitalisieren wohl noch. Ich bin allerdings mit solchen Schlagworten immer vorsichtig, denn man sollte Formulierungen verwenden, die die Mannschaft versteht und mit der sie Inhalte verbinden kann. Kultureller Wandel heißt ja auch, die Sprache des anderen zu verstehen. Digitale Transformation ist ein Schlagwort, das sich schnell zu einem Buzz Word entwickelt. Irgendwann kann dann Niemand mehr erklären, was das wirklich ist, und wohin die Transformation führen soll.

Frage: Na z.B. zur Entwicklung neuer, digitaler Geschäftsmodelle. Wie weit ist Schaeffler da?

Spindler: Neue Geschäftsmodelle haben wir schon in unserer Industriesparte. Da geht es beispielsweise um die Überwachung von Getrieben in Windkraftanlagen, d.h. das ganze Thema Predictive Maintenance bzw. Restlebensdauervorhersage und Wartungsplanung. Im Automotive-Bereich sind wir wahrscheinlich noch zu weit vom OEM bzw. vom Endkunden weg. Der Biohybrid, den wir als Produktinnovation von Schaeffler auf der CES in Las Vegas vorgestellt haben und in den nächsten Jahren industrialisieren werden, zeigt allerdings, wohin die Reise gehen kann.

Frage: Sie nutzen im Industriebereich für die Erfassung und Auswertung der Sensordaten sicher eine IoT-Plattform. Haben Sie auch schon ein Ökosystem aufgebaut?

Spindler: Wir haben tatsächlich ein Konzept, das sich Smart Ökosystem nennt. Es geht dabei vor allem um die Erfassung und Auswertung von Daten aus der Feldanwendung unserer Produkte, um daraus Mehrwert für unsere Kunden generieren zu können. Wir haben z.B. ein Wälzlager mit integrierter Sensorik, das für die Lebensdauerberechnung relevante Daten misst. Diese werden dann z.B. an die Plattform eines Getriebeherstellers übertragen und von dort weiterverarbeitet.

Frage: Wie sieht das Plattform-Konzept für Ihre Produktentwicklung aus? Haben Sie das Konzept nicht eigentlich auf den Kopf gestellt?

Spindler: Richtig, die Frage habe ich schon öfter gehört. Bei uns liegt die „Plattform“ oben. Das sogenannte Engineering Cockpit dient als übergreifendes PLM-Backbone, über das wir den Zugriff auf die Informationen in den verschiedenen Autorensystemen ermöglichen und die Zusammenarbeit zwischen den Systemen orchestrieren, z.B. im Änderungs- und Konfigurationsmanagement.

Frage: Können die Entwickler aus ihrem Engineering Cockpit direkt auf Informationen zugreifen, die z.B. in den Autorensystemen anderer Cockpits stecken?

Spindler: Nein, das Engineering Cockpit greift in der aktuellen Version nur auf die Informationen in den „eigenen“ Autorensystemen zu und stellt sie in neutralisierter Form bereit. In einer späteren Variante kann der Zugriff auf andere IT-Systeme mit entsprechenden Schnittstellen realisiert werden oder über andere Cockpits erfolgen.

Frage: Ist das Engineering Cockpit schon im produktiven Einsatz?

Spindler: Es wird agil entwickelt, so dass einige Funktionen schon produktiv sind. Im Laufe dieses Jahres werden wir sukzessiv weitere Funktionalitäten wie das Engineering Change Management zuschalten.

Frage: Werden parallel dazu bestimmte Funktionen in den bestehenden Systemen abgeschaltet?

Spindler: Nein, wir werden im Engineering Cockpit keine Funktionen abbilden, die in anderen Systemen realisiert sind. Jeder User bleibt in seiner ihm bekannten Domäne. Unsere Mechanik-Entwickler z.B. kennen sich mit Windchill und Creo aus, und ich sehe keinen großen Nutzen darin, diese durch ein anderes Tool zu ersetzen. Das Engineering Cockpit ist vor allem ein Werkzeug auf der System-Ebene, auf der die Konfigurationen zu einem bestimmten Reifegrad dokumentiert und daraus die sogenannte mechatronische Stückliste und Umsetzungsaufträge für die Disziplinen generiert werden.

Frage: Ist Ihre PLM-Plattform noch on premise installiert oder läuft sie schon in der Cloud?

Spindler: Im Moment ist noch alles on premise installiert, weil wir die Lösung gerade erst entwickeln und wenige Anwender auf dem System haben. Ich gehe aber davon aus, dass wir nach und nach alle unsere Anwendungen die Cloud verlagern werden, auch weil die IT-Vendoren diesen Weg einschlagen. Es wird aber wahrscheinlich nicht eine einzelne Cloud sein – wir verfolgen da eine Multi-Cloud-Strategie, bei der die jeweils am besten geeignete Strategie zum Einsatz kommt. Das sehe ich ganz leidenschaftslos.

Frage: Das Thema Cloud-to-Cloud-Anbindung macht Ihnen keine Sorgen?

Spindler: Nein, denn das haben wir ja heute schon in vielen Anwendungsbereichen. Ich glaube, dass wir in den letzten Jahren sehr viele Probleme durch Schnittstellen und Standards gelöst haben. Daran war PROSTEP ja maßgeblich beteiligt. Sicher werden wir noch mehr Standards und Strategien wie den Code for PLM-Openness brauchen, aber technisch  ist das lösbar.

Herr Spindler, wir danken Ihnen für das Gespräch.
(Das Interview führte Michael Wendenburg)

 



Zur Person

Dirk Spindler (Jahrgang 1964) ist seit 1990 für die Schaeffler Gruppe in verschiedenen Funktionen im In- und Ausland in der Produktentwicklung tätig. Seit 2017 leitet er den Bereich R&D Prozesse, Methoden und Tools für die Schaeffler AG. Spindler studierte Produktionstechnik/Feinwerktechnik an der TU Kaiserslautern. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

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