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Industrie 4.0? Der Mittelstand fängt nicht bei null an

ein Interview mit Reiner Anderl

Der VDMA hat zusammen mit dem Fachgebiet Datenverarbeitung (DiK) der TU Darmstadt und dem wbk Institut für Produktionstechnik Karlsruher Institut für Technologie (KIT) einen Leitfaden Industrie 4.0 erarbeitet. Prof. Reiner Anderl, Leiter des DiK, erläutert im Interview den praktischen Nutzen dieses Leitfadens, der mittelständischen Maschinen- und Anlagenbauern als Orientierungshilfe dienen soll.

Frage: Einer Studie der Commerzbank zufolge haben 86 Prozent der Unternehmen die Chance von Industrie 4.0 erkannt, zögern aber mit der Einführung. Liegt das daran, dass es Industrie 4.0 nicht von der Stange zu kaufen gibt?

Anderl: Nein, die meisten Unternehmen fangen ja nicht bei null an. Deshalb haben wir für den Leitfaden eine Metrik erarbeitet, mit der die Unternehmen ihre Industrie 4.0-Fähigkeiten für Produkte und Produktion bewerten können. Im ersten Schritt dient der Leitfaden also der Selbsteinschätzung. Unsere Erfahrung aus mehreren Workshops in der mittelständischen Industrie ist, dass es in jedem Unternehmen schon Ansätze gibt, die in Richtung Industrie 4.0 gehen und die sie nun mit den neuen technologischen Möglichkeiten weiterführen können.

Frage: Haben die deutschen Maschinen- und Anlagenbauer nicht schon lange vor der Erfindung von Industrie 4.0 kundenindividuelle Produkte in kleinen Losgrößen hergestellt?

Anderl: Ja, aber das, was man bisher mithilfe der Automatisierungs- und Produktionstechnik erreicht hat, war nicht vernetzt bzw. wurde über den Menschen vernetzt, und es fand auch keine Kommunikation statt, wie wir sie heute über das Internet of Things kennen.

Frage: Was ist denn der Zusatznutzen dieser intelligenten Kommunikation?

Anderl: Der Hauptnutzen ist, und das sage ich ganz bewusst, dass man das eigene Wertschöpfungsnetzwerk einschließlich der Zulieferkette erstmals in Echtzeit quantitativ erfassen und dadurch besser optimieren kann, und zwar über den gesamten Lebenszyklus der Produkte hinweg, insbesondere bis hinein in die Nutzungsphase. Dadurch, dass die Systeme mit sehr viel Sensorik und Internet-Schnittstellen ausgestattet sind, können wir die erfassten Daten ganz leicht auf einem Server oder in der Cloud speichern, um sie auszuwerten und beispielsweise festzustellen, ob ein Ausfall der Maschine droht. Ein anderes Beispiel ist, dass die Unternehmen beginnen, nicht mehr die Produkte, sondern ihre Leistung zu verkaufen – z. B. Druckluft pro Stunde statt Kompressoren.

Frage: Accenture sagt, dass Industrie 4.0 nicht bei der operationellen Effizienz stehen bleiben darf. Die eigentliche Herausforderung ist die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle. Sehen Sie das auch so?

Anderl: Das sehe ich genau so.

Frage: Sind die mittelständischen Unternehmen denn auf solche neuen Geschäftsmodelle, die ja auch Risiken bedeuten, überhaupt vorbereitet? Wenn sie sich auf eine langfristige Kundenbeziehung einlassen und der Kunde ausfällt, haben sie den schwarzen Peter.

Anderl: Zunächst einmal lässt sich so ein Fall vertraglich absichern. Zum anderen zeichnet sich gerade die mittelständische Industrie dadurch aus, dass sie sehr flexibel ist. Meine Wahrnehmung ist, die Leiter dieser Unternehmen sehr schnell an die Umsetzung neuer Geschäftsmodelle gehen, wenn sie ihren Nutzen verstanden haben. Das Problem ist, dass es die neuen Geschäftsmodelle nicht von der Stange zu kaufen gibt, sondern dass man sie intensiv vorbereiten muss.

Frage: Ist es für die Maschinen- und Anlagenbauer ein Vorteil, dass sie in einer Doppelrolle als Anbieter und als Nachfrager von Internet 4.0-Lösungen sind?

Anderl: Absolut, das haben wir klar festgestellt. Deshalb haben wir den Leitfaden ganz bewusst auf Produkte und Produktion ausgerichtet. Maschinen- und Anlagenbauer stehen unter dem dauernden Druck, noch effizienter zu produzieren. Gleichzeitig wollen sie Produkte und Dienstleistungen haben, die attraktiv sind und sich auf dem Markt gut verkaufen. Sie müssen also beides weiterentwickeln.

Frage: Der Leitfaden postuliert, dass Industrie 4.0 Realität werden muss. Was sind die ersten Dinge, die ein mittelständischer Maschinen- und Anlagenbauer realisieren kann?

Anderl: Aus meiner Sicht ist der wichtigste Punkt, den eigenen Wertschöpfungsprozess quantitativ zu erfassen. Man braucht numerische Werte, um zu wissen, in welchen Zustand er sich befindet. Nur dann ist man in der Lage, den Prozess zu verbessern. Die Methoden dafür stehen heute zur Verfügung. Und dann gibt es sehr viele Elemente aus Industrie 4.0, um sogenannte Quick Wins zu realisieren. Ein ganz wichtiger Schritt ist beispielsweise, dass man von einer papierbasierten zu einer integrierten, digitalen Qualitätssicherung kommt. Jedes Unternehmen hat heute in der Produktion digitale Daten, nur sind die nicht vernetzt, sondern befinden sich in isolierten, gekapselten Systemen. Ziel muss es sein, ein einheitliches und vernetztes Datenmanagement für die Produktion aufzubauen.

Frage: Eine der Schwierigkeiten mit neuen Geschäftsmodellen ist, dass man die bestehenden nicht auf einen Schlag ablösen kann. Wie schafft ein Mittelständler diese Transition?

Anderl: Sie haben recht, man ersetzt kein erfolgreiches Geschäftsmodell durch ein anderes, nur weil es neu ist. Aber man kann es sukzessive ergänzen. Die zweite Variante ist, dass man eine neue Firma unter einem anderen Namen gründet, um Kannibalisierungseffekte zu vermeiden. Man kann die neue Organisation dann auch mit den entsprechenden Mitarbeitern ausstatten, die das neue Geschäftsmodell verinnerlicht haben.

Frage: Accenture sagt auch, dass das eigentliche Geschäft mit Industrie 4.0 die machen werden, die die Datenplattformen beherrschen. Schafft das ein Mittelständler überhaupt?

Anderl: Auf jeden Fall, ja, wobei nicht jeder Mittelständler seine eigene Plattform aufbauen muss. Wir kennen Beispiele, wo sich mittelständische Unternehmen zusammentun, um eine solche Plattform zu schaffen, auch wenn sie nach außen hin nicht in Erscheinung treten. Wenn diese Plattformen Schnittstellen anbieten, um Ökosysteme anzubinden, ist das ein riesiges Geschäftsfeld.

Frage: Eines der wesentlichen Elemente des Leitfadens ist dieser Kreativ-Workshop, den sie mit verschiedenen Kandidaten getestet haben. Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Anderl: Eine der wichtigsten Erkenntnisse war, dass man die Workshops mit einem repräsentativen Querschnitt der Mitarbeiter durchführen sollte. Wenn Mitarbeiter aus unterschiedlichen Bereichen zwei Tage zusammenkommen und auch den Abend miteinander verbringen, ist das ungeheuer anregend. Da brauchen Sie gar keine Vorgaben mehr zu machen, sondern nur noch zu moderieren. Die Mitarbeiter wissen sehr genau, was in den nächsten zwei bis drei Jahren realistischerweise zu erreichen ist.

Frage: Unterstützt der Leitfaden die Unternehmen auch bei der Umsetzung der neuen Geschäftsmodelle?

Anderl: Nein, der Leitfaden ist lediglich dazu da, sich zu positionieren und das Profil für die Weiterentwicklung des Unternehmens zu spezifizieren. Die Schlussfolgerung, daraus neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, ist das Ergebnis der Kreativphase in den Workshops.

Frage: Haben Sie die Unternehmen auch bei der Umsetzung ihrer Ideen begleitet?

Anderl: Nein, als für die Teilnehmer klar war, wohin die Reise gehen soll, war die Diskussion mit uns schnell beendet. Die Unternehmen sind dann sofort den nächsten Schritt gegangen und haben sich gefragt, welche Investitionen sind damit verbunden, was bedeutet es für die Organisation, wie muss ich die Mitarbeiter qualifizieren, wie will ich mich nach außen darstellen etc. Das sind dann Interna, die kein Unternehmen gerne nach außen trägt.

Frage: Aber Sie wissen, dass die Unternehmen weitermachen?

Anderl: Wir wissen das in vielen Fällen, weil wir Rückmeldung bekommen haben; nicht wie viel die Unternehmen investieren, aber dass sie investieren werden.

Frage: Durch Industrie 4.0 sollen in Europa fünf Millionen Arbeitsplätze verloren gehen. Sehen Sie das auch so negativ oder glauben Sie eher, dass im Service oder bei der Fertigung kundenindividueller Produkte neue Jobs entstehen?

Anderl: Ich teile die Einschätzung von Davos nicht. Wenn die Weltwirtschaft stabil bleibt, wird Industrie 4.0 zu mehr Beschäftigung führen. Es ist eine industrielle Revolution, das heißt, es wird neue Berufsfelder geben, es wird neue Branchen geben und es wird neue Qualifikationen geben. Herr Prof. Anderl, ich danke für das Gespräch (Das Interview führte Michael Wendenburg).

Zur Person
Prof. Dr. Reiner Anderl (Jahrgang 1955) ist Leiter des Fachgebiets Datenverarbeitung in der Konstruktion an der TU Darmstadt und einer der Promotoren von Industrie 4.0. Als Vorsitzender des Themennetzwerkes Produktentwicklung und Produktion der acatech nahm er am Zukunftsprojekt Industrie 4.0 der Bundesregierung teil und wurde 2013 zum Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der Plattform Industrie 4.0 ernannt, dessen Vorsitzender er ist. Kernaufgabe dieser Plattform, die heute von den Bundesministern für Wirtschaft und Energie (BMWi) und für Bildung und Forschung (BMBF) geleitet wird, ist die Entwicklung und Verbreitung von Industrie 4.0 in der deutschen Wirtschaft.

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